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Musikwissenschaftliche Einführungstexte

Auf dieser Seite finden Sie unser komplettes Programmbuch zum #beethovenmarathon als Download-Version sowie alle musikwissenschaftlichen Einführungen einzeln nach Konzerttermin sortiert.

Foto: Beethoven – Ein Leben, ATZE Musiktheater © Robert.M Berlin

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Streichquartett in C-Dur KV 465, „Dissonanzenquartett“

Arnold Schönberg (1874-1951)
Scherzo in F-Dur für Streichquartett

Gustav Mahler (1860-1911)
Ich bin der Welt abhanden gekommen (Bearbeitung für Streichquartett)

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Streichquartett Nr. 14 in cis-Moll op. 131


Einführungstexte

Die Kunst der Grenzüberschreitung: Beethovens Streichquartett cis-Moll op. 131

Beethovens späte Streichquartette sind geradezu der Inbegriff einer unerschütterlichen Kompromisslosigkeit des künstlerischen Anspruchs. Sie weichen Gattungsnormen auf, zu deren Konsolidierung der Komponist in seinen frühen Quartetten selbst beigetragen hatte. Rein äußerlich wird dieser Prozess etwa in der allmählichen Erhöhung der Satzzahl oder im Aufweichen der Typologie von Satzcharakteren erkennbar; kompositionstechnisch etwa in der Auflösung von tradierten Strukturen wie dem Sonatenhauptsatz. Vielleicht das prominenteste Beispiel für die Realisierung von Beethovens Radikalität ist das 1825/26 entstandene cis-Moll-Quartett op. 131. Es gilt bis heute als Krone der klassischen Kammermusik – ein Befund, der auch dadurch gestützt wird, dass Beethoven mit außerordentlicher Akribie daran gearbeitet hat: Mehr als 600 Seiten mit Skizzen zu dem Werk haben sich erhalten. Extraordinär ist bereits die Wahl von cis-Moll als Grundtonart: Sie ist im Umfeld von klassischer Streicherkammermusik extrem selten zu finden.

Das Quartett beginnt gegen alle Konventionen der Streichquartetttradition mit einem fugierten Adagio-Kopfsatz. Zugleich knüpfte Beethoven mit den vier Anfangstönen der Fuge an eine traditionsreiche barocke musikalisch-rhetorische Figur an, die etwa auch Johann Sebastian Bach in seinem „Musikalischen Opfer“ verwendet hatte. Die melodisch kreisende Atmosphäre des harmonisch schwebenden Satzes beschrieb Richard Wagner mit den Worten: „Das einleitende längere Adagio, wohl das Schwermüthigste, was je in Tönen ausgesagt worden ist, möchte ich mit dem Erwachen am Morgen des Tages bezeichnen, der in seinem langen Lauf ‚nicht einen Wunsch erfüllen soll, nicht einen!‘. Doch zugleich ist es ein Bußgebet, eine Berathung mit Gott im Glauben an das ewig Gute.“ Weil die vier Töne des Fugenbeginns zu Beginn des Finalsatzes erneut erklingen, bilden sie den motivisch-thematischen Rahmen für das ganze Quartett. Darüber hinaus verwendete Beethoven sie auch in den nahezu zeitgleich entstandenen Quartetten op. 130 und op. 132 und schuf damit werkübergreifende Verbindungen. Der Schlussklang des Kopfsatzes hat den Charakter eines Leittons zum folgenden Allegro molto vivace, einer freundlich-hellen Pastorale im 6/8-Takt. Ein Bezug zu traditionellen Satzcharakteren ist kaum noch herstellbar, vielmehr lässt sich der Satz als Vorwegnahme eines romantischen Intermezzos deuten.

Auch der dritte Satz, ein instrumentales Rezitativ, ist untypisch für ein klassisches Streichquartett; er gemahnt vielmehr an eine opernhafte Szene mit Arie. Tatsächlich leitet er über zu einem ausgedehnten Andante, dessen sangliches Thema die Grundlage für einen abwechslungsreichen Variationensatz liefert. Den fünften Satz, ein ungestümes fünfteiliges Presto, bestimmen rasante Staccati und abrupte Tempowechsel. Der kurze sechste Satz in gis-Moll, der zwischen mehreren Tonarten changiert, bildet die langsame Einleitung zum energischen Schlusssatz. Beethoven plante noch eine Uraufführung des cis-Moll-Quartetts in Wien, die zu erleben ihm allerdings nicht mehr vergönnt war. Sie fand schließlich in Halberstadt im Juni 1828 statt. Er selbst betrachtete das Werk als sein größtes Quartett, doch den Hörerwartungen der Zeitgenossen dürfte es wohl nicht entsprochen haben: Ein Pariser Kritiker bezeichnete es als „die letzte Anstrengung einer rasenden Fantasie“.

Dr. Susanne Schaal-Gotthardt


Künstlerportrait

Das Minguet Quartett – gegründet 1988 – zählt heute zu den international gefragtesten Streichquartetten und gastiert in allen großen Konzertsälen der Welt, wobei seine so leidenschaftlichen wie intelligenten Interpretationen für begeisternde Hörerfahrungen sorgen – „denn die Klang- und Ausdrucksfreude, mit der das Ensemble die Werke zur Sprache bringt, belebt noch das kleinste Detail“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Namenspatron ist Pablo Minguet, ein spanischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, der sich in seinen Schriften darum bemühte, dem breiten Volk Zugang zu den Schönen Künsten zu verschaffen: Das Minguet Quartett fühlt sich dieser Idee mehr denn je verpflichtet.

Für die Saison 2027/28 bereitet das innovative Ensemble sein 40-jähriges Bestehen vor: Ab 1988 durch bedeutende Lehrerpersönlichkeiten wie Walter Levin, Eberhard Feltz, das Amadeus Quartett und das Alban Berg Quartett geprägt, konnte das Minguet Quartett schon früh sein Profil schärfen und sich auf den internationalen Podien etablieren. Nach Jahren erfüllter Konzerttätigkeit, flankiert von preisgekrönten CD-Einspielungen, beschreitet das Quartett mit publikumswirksamen Programmkonzepten weiterhin erfolgreich seine individuelle Linie.

Die Saison 2026/27 umfasst u.a. – neben dem Stadttheater Aschaffenburg – Gastspiele bei der Stiftung Mozarteum Salzburg, beim Mozartfest Würzburg, bei den Händel-Festspielen Halle, Meister- und Kammerkonzerten Innsbruck, Badenweiler Musiktagen und in der Glocke Bremen, sowie Konzerttourneen nach Südamerika mit Höhepunkt Teatro Colón Buenos Aires, nach Dänemark, Belgien, Österreich und in die Schweiz.

Highlights in 2024-26 waren Gastspiele im Wiener Konzerthaus, Festspielhaus Baden-Baden, Brucknerhaus Linz, Diligentia Theater Den Haag, in der Fundação Calouste Gulbenkian Lissabon und der Tonhalle Düsseldorf, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und den Festspielen Europäische Wochen Passau, beim Schleswig-Holstein Musik Festival, Flagey Brüssel Klarafestival, bei den Raderbergkonzerten des Deutschlandfunk Köln, beim Bodenseefestival und Schwetzinger Mozartfest. Mit sieben Einladungen seit 2004 ist das Minguet Quartett regelmäßiger Gast bei den traditionsreichen Salzburger Festspielen.

Vorangegangene Spielzeiten führten das Ensemble in die Kölner und Berliner Philharmonie, Elbphilharmonie Hamburg, Library of Congress und International Gallery Washington DC, in das Konzerthaus Berlin, Prinzregententheater München, Gewandhaus zu Leipzig, in die Meistersingerhalle Nürnberg, Alte Oper Frankfurt, in das Concertgebouw Amsterdam, zu De Doelen Rotterdam, BOZAR Music Brüssel, in das Théâtre des Abbesses Paris, zur L’association Pour l’Art Lausanne, in das Lincoln Center New York, SouthBank Centre London und The University of Hong Kong, zum Festival d’Automne Paris, Grafenegg Festival, Beethovenfest Bonn, Rheingau Musik Festival, Schumannfest Düsseldorf, Tongyeong International Music Festival Korea, zu den Festspielen Herrenchiemsee, Schwetzinger Festspielen, zur Kammermusikwoche Schloss Elmau sowie zu weiteren Festivals und in große Konzertsäle innerhalb Europas, in Japan, Mittel- und Südamerika, Kanada und den USA.

Das Minguet Quartett konzentriert sich auf die klassisch-romantische Literatur sowie die Musik der Moderne gleichermaßen und engagiert sich durch zahlreiche Uraufführungen für Kompositionen des 21. Jahrhunderts. Begegnungen mit bedeutenden Komponisten unserer Zeit inspirieren die vier Musiker zu immer neuen Programmideen. Mittelpunkt der Programmgestaltung des Jahres 2027 werden der 200. Todestag von Ludwig van Beethoven sowie der 75. Geburtstag von Wolfgang Rihm sein, gefolgt von Schwerpunkten auf Franz Schubert, Leoš Janáček und Peter Ruzicka in 2028.

Aktuelle Partner des Minguet Quartetts sind u.a. die Sopranistin Sarah Maria Sun, die Pianisten Matthias Kirschnereit, Alexander Krichel und Herbert Schuch, die Geigerin Ioana Cristina Goicea, der Bratschist Matthias Buchholz, die Cellisten Jens Peter Maintz und Reinhard Latzko, der Bandoneonist Juanjo Mosalini sowie der Schauspieler Sabin Tambrea. Als Solistenquartett musizierte das Ensemble mit dem WDR Rundfunkchor, den Rundfunksinfonieorchestern DSO, des SR, hr, WDR und ORF sowie dem Brucknerorchester Linz und den Nürnberger Symphonikern unter den Dirigenten Jukka-Pekka Saraste, Markus Stenz, Peter Ruzicka und Ilan Volkov.

Mit der Gesamteinspielung romantischer Streichquartettliteratur von Felix Mendelssohn Bartholdy, Josef Suk, Heinrich von Herzogenberg und Emil Nikolaus von Reznicek sowie der großen zeitgenössischen Komponisten Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka und Jörg Widmann hat das Minguet Quartett einen Meilenstein in der jüngeren Diskografie gesetzt und sich als eines der profiliertesten und wandlungsfähigsten Ensembles der internationalen Kammermusikszene etabliert. 2028 wird das Quartett mit Blick auf den 150. Geburtstag von Alma Mahler in 2029 Lieder von Alma und Gustav Mahler in Bearbeitung für Streichquartett von Annette Reisinger für den Westdeutschen Rundfunk aufnehmen.

Das Minguet Quartett wurde mit dem ECHO Klassik sowie dem renommierten französischen Diapason d’Or des Jahres ausgezeichnet. 2024 war das Quartett Schönberg150-Botschafter und Mitglied des künstlerischen Ehrenkomitees des Arnold Schönberg Center Wien. Für die Saison 2026/27 hat das Kultursekretariat NRW Gütersloh das Projekt des Minguet Quartetts „Musik in allen Farben: Hans Werner Henze 100“ ausgewählt und fördert damit zahlreiche Konzerte in Nordrhein-Westfalen. Langjähriger und regelmäßiger Kooperationspartner des Minguet Quartetts für zahlreiche innovative Projekte im In- und Ausland ist die Kunststiftung NRW.